Zeitschrift Debatte "Ein Gespräch mit ..."

Nadja El Beheiri

Ein Gespräch mit Wolfgang Waldstein

1Das Gespräch wurde im Mai 2013 in Salzburg in der Wohnung von Professor Waldstein geführt, eine Woche vor dem Gespräch habe ich ihm die Fragen schriftlich zukommen lassen. Den Text habe ich unmittelbar nach dem Gespräch niedergeschrieben. Im Sommer 2014 habe ich den Text noch einmal überarbeitet und einige Straffungen, Konkretisierungen und Aktualisierungen vorgenommen.

2Der Romanist Wolfgang Waldstein feiert am 27. August seinen 86. Geburtstag. Anlässlich seines 85. Geburtstages wurde an der Universität Salzburg ein internationales Symposium abgehalten, bei dem auch seine wichtigsten Schriften zum römischen Naturrecht und zu den Einflüssen der griechischen Philosophie auf das römische Recht von Carla Masi Doria und Johannes Michael Rainer herausgegeben wurden.1 Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Werkes von Wolfgang Waldstein steht die Erforschung der vorpositiven Grundlagen des Rechts und der damit verbundenen erkenntnistheoretischen Fragestellungen. Seine Arbeiten sind Ergebnis des wissenschaftlichen Austausches mit einigen der wohl bedeutendsten Romanisten des deutschen Sprachraumes. In diesem Sinne sind sie auch Zeugnis einer spannenden Epoche der Wissenschaftsgeschichte. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache vor dem Deutschen Bundestag die spezifisch juristische Argumentation von Waldstein übernommen und dabei insbesondere auf das Spannungsfeld zwischen positivistischer Rechtswissenschaft und einer durch die klassischen Erkenntnisquellen bestimmten Zugangsweise hingewiesen. Die Rede wurde von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Sternstunde des deutschen Parlaments bezeichnet und der amerikanische Journalist John L. Allen hat sie unter die besten Ansprachen des Pontifikats gereiht.2 Wolfgang Waldstein gehört einer Generation von Wissenschaftlern an, deren persönlicher Werdegang eng mit der Geschichte Europas des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden ist. Er hat sich den wissenschaftlichen Herausforderungen immer mit Leidenschaft gestellt und seine Schlussfolgerungen in klarer und prägnanter Weise zum Ausdruck gebracht. Ein Blick auf seinen Lebensweg lässt auch viele Fragestellungen in einem anderen Licht erscheinen.

3Herr Professor Waldstein: Im Jahr 2010 ist ihr Buch „Ins Herz geschrieben. Die Grundlagen einer menschlichen Gesellschaft“ erschienen. In einer Besprechung der ungarischen Fassung des Buches hat der Rezensent das Buch in die Reihe jener Werke eingeordnet, in denen ein Autor seine auf einem langen Lebensweg gesammelte Weisheit zusammenfasst.3 Papst Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache vor dem Bundestag einige Gedanken aus dem Buch übernommen und sie so zu einem aktuellen Ausgangspunkt für eine breite gesellschaftliche Diskussion gemacht. Wie war Ihre persönliche Reaktion auf die Bundestagsrede?

4Meine Frau und ich saßen gemeinsam hier im Wohnzimmer und schauten uns die Ansprache des Papstes im Fernsehen an. Plötzlich begann ein mir bekannter Text in den Ohren zu klingen. Wir haben uns gegenseitig angeschaut (…). Es war also eine völlige Überraschung, dass der Papst auf mein Buch Bezug genommen hat. Ich hätte natürlich nicht im Traum damit rechnen können, dass so etwas kommt. Einige Zeit danach kam dann einfach mit der Post das mit päpstlichem Wappen versehene Vortragsmanuskript mit einem handschriftlichen Vermerk von Papst Benedikt, der lautet: „Mit herzlichem Dank und Gruß!“

5Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. und Sie gehören der gleichen Generation von Wissenschaftlern an. Sie haben zunächst die Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt, nur kurz danach wurden Sie jedoch mit einer sich immer mehr verbreitenden Haltung konfrontiert, die sich von allen Traditionen und Werten befreien wollte. Ihr erster Kontakt mit Joseph Ratzinger stand gerade mit dieser Problemstellung in Verbindung. Sie sind heute Ehrenvorsitzender der Laienvereinigung „Pro Missa Tridentina“ und waren in den Siebziger Jahren maßgeblich an den Bemühungen zur Erhaltung der sog. tridentischen Messe beteiligt. Papst Benedikt XVI. hat in dem vieldiskutierten Motu Proprio „Summorum Pontificum“ vom Juli 2007 den Zugang zu der früheren lateinischen Messe erleichtert. In dem Gespräch mit Peter Seewald erklärt der Papst, dass es ihm bei dieser Maßnahme vor allem um die Erhaltung des inneren Zusammenhangs der Kirchengeschichte in ihrem wichtigsten Bereich dem Beten und der Eucharistie ging.4 Viele Jahre zuvor, im Jahre 1976 haben Sie sich an den damaligen Theologieprofessor Joseph Ratzinger mit der Bitte um Rat im Hinblick auf die Erhaltung des alten Missales gewandt. Joseph Ratzinger hat in seinem Antwortbrief ausdrücklich auf die Rechtmäßigkeit des neuen Missales Paul VI. hingewiesen, aber auch vor einem Verbot des alten Messbuches gewarnt. Der alte Ritus stellt das Geheimnis der Eucharistie in den Vordergrund und gibt den Gläubigen die Möglichkeit, sich durch die Liturgie in das Mysterium einführen zu lassen. Optiert man mit Benedikt XVI. für ein harmonisches Zusammenspiel von Tradition und Reform, so könnte auch der alte Ritus zu einem hermeneutischen Schlüssel für die moderne Liturgie werden.

6Mein erster Kontakt mit Joseph Ratzinger erfolgte tatsächlich im Zusammenhang mit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Verbot des alten Messbuches ist, wie Papst Benedikt ja dann später auch öffentlich festgestellt hat, niemals rechtlich erfolgt. Es war ein faktisches, administratives Verbot, das rechtswidrig war, aber vom gesamten Weltepiskopat übernommen und mit aller Härte durchgesetzt wurde. In dieser Situation bin ich mit Freunden sozusagen aufgestanden, um zu kämpfen. Unser Anliegen bestand darin, das Verbot der bisherigen Messe rückgängig zu machen. Mit diesem Kampf habe ich mir leider auch Feindseligkeiten zugezogen, seitens des Ordinariats, seitens des damaligen Bischofs, übrigens hat uns gerade zu dieser Zeit auch eine Schwester meiner Frau besucht, die Klosterfrau und ganz progressiv eingestellt war. Kurzum, in dieser Notlage habe ich von Prof. Ratzinger gehört – irgendwie ist mir gesagt worden, dass er ein sehr zuverlässiger und vertrauenswürdiger Professor der Theologie ist – und da habe ich ihm die Frage vorgelegt, was er meint, ob es erlaubt ist, sich für die frühere Messe einzusetzen. Als Antwort kam dann ein Brief, der für mich für mich wirklich ein ganz tiefer Trost und eine große Freude war und der die Grundlage unserer später engeren Verbindung geworden ist. Als er dann Präfekt der Glaubenskongregation geworden ist, habe ich ihn doch ziemlich oft sprechen dürfen. Er hat mich immer dafür gelobt, dass ich die Fragen so exakt, kurz und gut vorbereitet gebracht habe, weil er ja immer unter Zeitdruck stand. Ich glaube, dass ich zwei Wochen vor seiner Wahl zum Papst bei ihm war und ihn um Rat im Hinblick auf meine Tätigkeit in der Päpstlichen Akademie für das Leben gebeten habe.

7Innerhalb der Akademie war eine Kontroverse im Zusammenhang mit der Frage des Hirntodes und der Organspende entstanden. Ich fragte Kardinal Ratzinger damals, ob ich als Mitglied der Päpstlichen Akademie zurücktreten sollte. Er verneinte diese Frage und ermutigte mich, meine Position innerhalb der Akademie zu vertreten.

8Sie haben 2012 ein Buch mit Lebenserinnerungen herausgegeben. Der Anstoß dazu kam von Kardinal Ratzinger.

9Ja, also in der Zeit, in der Kardinal Ratzinger öfter in Brixen Urlaub gemacht hat, hat er eines Tages im Kreuzgang des Domes unseren Schwiegersohn, den Domorganisten Franz Comploi, getroffen und in dem kurzen Gespräch, das sie hatten, kam auch ich zur Sprache. Kardinal Ratzinger sagte unserem Schwiegersohn: „Sorgen Sie dafür, dass ihr Schwiegervater seine Erinnerungen an Finnland niederschreibt.“ Zu der Zeit als ich Professor an der Lateranuniversität (1996-98) war, hat uns Kardinal Ratzinger besucht und ich habe ihm auch von meiner Kindheit und Jugend erzählen können. Das hat ihn offenbar dazu bewogen, die erwähnte Aufforderung an unseren Schwiegersohn zu richten. Gemeinsam mit meiner Frau dürfen wir nun bereits seit 15 Jahren in einem Haus meines Schwiegersohnes in Alt Wengen, in einem Seitental vom Gadertal, Urlaub machen. Das Haus ist auf dem Nordhang auf 1500 m Seehöhe, auf der Südseite haben wir direkt die Kreuzkofelgruppe mit der Zehnerspritze vor uns (3026 m). Mein Schwiegersohn bat mich nun, dass ich als Entgelt für das Wohnen in seinem Haus jeden Tag 15 Minuten an meinen Erinnerungen an Finnland schreiben sollte. Tatsächlich ist es dann so geworden, dass ich natürlich oft mehrere Stunden in einem Stück geschrieben habe. Ohne den Anstoß des Kardinals hätte ich jedoch niemals Erinnerungen geschrieben.

10Sie haben im Jahr 1948 maturiert. Könnten Sie uns einige Erinnerungen aus Ihrer Studienzeit erzählen?

11Ja, was also meine Studienzeit betrifft, ist das eine leider etwas kompliziertere Geschichte. Ich habe die Matura im Jahr 1948 gemacht und mein Vater war damals Professor für Klavier am Mozarteum in Salzburg. Im Frühjahr 1948 hat er einem Brief bekommen – wenige Zeilen –, in dem stand, dass er nicht mehr weiter bestellt wird. Mein Vater stand somit im Jahr meiner Matura ohne Einkommen da. Mir war klar, dass ich selbst schauen muss, ob ich für mein Studium Geld verdienen kann. Ich habe mich erkundigt und gehört, dass man auf der Hochbaustelle im Kapruner Tal sehr, sehr gut verdienen kann. Ich habe damals den Fehler begangen, dem Kapruner Pfarrer zu schreiben. Warum ich das einen Fehler nenne, wird sofort klar werden. Ich habe ihn gefragt, was ich tun müsste, um auf der Hochbaustelle Arbeit zu bekommen. Der Pfarrer hat mir einfach erklärt, dass ich nur bei der Station Fusch an der Glocknerstrasse aus dem Zug auszusteigen müsste, dort wartet zu einer bestimmten Zeit ein Werkzug, der die Arbeiter zur Baustelle bringt. Das hat gut geklappt und offensichtlich hatte mich der Pfarrer aufgrund meiner Anfrage noch bei der Werksleitung empfohlen. Ich komme also hin, die Werksleitung ist mir gegenüber sehr, sehr freundlich und erklärt mir, dass ich mich noch einer speziellen medizinischen Untersuchung unterziehen muss, ob ich für Hochbaustellen geeignet bin. Nun diese Untersuchung ist positiv ausgegangen. Das Werk wollte mich einstellen und dann kam das, was wahrscheinlich Folge der Tatsache war, dass der Pfarrer mich empfohlen hatte. Der Betriebsrat, der aus 100 % Kommunisten bestand, hatte offenbar etwas von dieser Empfehlung erfahren und geglaubt, dass da ein katholischer Aktivist eingeschleust werden soll. Die Gewerkschaft hat gegen meine Einstellung Veto eingelegt. Dieses Veto war leider nicht behebbar. Die Werksleitung hat mich für eine andere Baustelle, die allerdings eine Talbaustelle war, im Salzachtal in Hollersbach empfohlen. Ich bin dann dorthin gefahren und auch gleich angenommen worden. Nur hat man dort etwa ein Drittel von dem verdient, was ich auf der Hochbaustelle verdient hätte. Kurzum ich habe dann dort den ganzen Sommer gearbeitet und mir doch auch dadurch, dass ich manchmal Überstunden machen durfte, was ein gewisses Privileg war, etwas dazu verdient. An Samstagen hat man den anderthalbfachen Lohn bekommen. Ja, um die Sache kurz zu machen, ich habe etwa zweiundeinhalb Monate dort gearbeitet und mir dann doch so viel erspart, dass ich hoffen konnte, vielleicht ein Semester in Innsbruck studieren zu können.

12Dann kam ich heim und treffe ausgerechnet vor unserer Wohnungstür, also nicht vor der Haustür unten, sondern unmittelbar vor der Wohnungstür mit einem Exekutionsbeamten zusammen, der gegen meinen Vater Exekution führen wollte. Mein Vater hatte im Frühjahr ein Konzert gegeben und nach dem Stellenverlust hatte er aber nicht das Geld, um die Saalmiete und die Plakatierung zu bezahlen. Die Ladung zur ersten Tagsatzung hatte er offenbar einfach ignoriert, was zu einem Versäumnisurteil mit nachfolgender Vollstreckung geführt hat. Das Ersparte reichte genau dazu, diese Kosten abzudecken. Fünf Schilling blieben mir. Da nun kein Geld für das Studium dar war, musste ich mir zunächst eine Arbeit suchen, um auch meine Eltern unterstützen zu können.

13Sie fanden diese Arbeit dann im kirchlichen Bereich?

14Diese Arbeit ergab sich dann ganz urplötzlich dadurch, dass der damalige Diözesanjugendführer, Herbert Glaser, seinerseits sein Studium fortsetzen wollte und mich als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat, weil wir uns schon von früher gut gekannt haben. Es tagte damals gerade die Versammlung aller Dekanatsjugendführer in Salzburg und ich wurde einstimmig zum neuen Diözesanjugendführer gewählt. Diese Tätigkeit war eine bezahlte Arbeit, die mir aber praktisch überhaupt keine Freizeit gelassen hat. Selbst an Sonntagen musste ich in den Pfarren sein, daher bestand überhaupt keine Chance, um neben dieser Arbeit an ein Studium zu denken. Es kam dann aber leider zwischen dem damaliger Jugendseelsorger, einem Priester, und mir zu wirklich grundlegenden Differenzen. Ich habe den Grund dieser Differenzen damals selbst nicht richtig verstanden. Erst nachdem die Diskussionen um den Modernismus nach dem Konzil voll ausbrachen, wurde mir klar, dass auch die Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und dem Jugendseelsorger hier ihre Wurzel hatten.

15Da die Zusammenarbeit zunehmend unerträglich wurde, ich mich aber mit dem damaligen Sekretär der Katholischen Aktion, Dr. Ernst Wenisch, sehr gut verstand, hat er mich als Sekretär für das katholische Bildungswerk vorgeschlagen. Auch in dieser neuen Position war die Arbeitszeit nicht wirklich begrenzt, weil ich auch da immer wieder gerade auch an den Sonntagen in den Pfarren sein musste, um Vorträge und andere Bildungsveranstaltungen zu organisieren.

16Der Wunsch, das Studium zu beginnen blieb aber immer lebendig?

17Mit der Zeit schlug doch mein Wunsch durch zu versuchen, neben dem Beruf, das Studium zu beginnen. Ich hatte auch von mehreren Kollegen gehört, die in Innsbruck Rechtswissenschaften inskribiert hatten, dass man das machen kann.

18Das Jahr 1951 hat dann für mich eine völlige Veränderung gebracht. Im Juni 1951 hat mich ein sehr lieber Freund eingeladen, mit dem ich als Jugendführer gemeinsam im Diözesanrat arbeitete, eine Zeit in seinem Haus zu verbringen.

19Zu genau der gleichen Zeit kam auch meine zukünftige Frau, Esi, in das Haus, weil auch sie mit der Familie befreundet war. Sie hat der Hausfrau Frau Dr. Seifert als Aupair mit den Kindern geholfen. Wir hatten uns bereits im Jahr zuvor bei der Familie Seifert gesehen, ich habe sie damals sogar in ihr Quartier begleitet, danach haben wir aber überhaupt keinen Kontakt mehr gehabt. Da wir nun gemeinsam im gleichen Haus waren, sind wir natürlich ins Gespräch gekommen und haben auch gemeinsame Wanderungen unternommen. Ich habe dabei Esi als überaus liebenswerte Frau entdecken können. Einmal ist Esi sogar mit mir auf den Untersberg, sogar über den Dopplersteig gegangen. Ich habe sie da hinaufgeführt. Dann kam es so, dass wir eine längere Zeit in der Morzger Kirche gemeinsam gebetet haben. Danach sind wir in die Sakristei gegangen und haben uns verlobt. Zehn Tage nachdem Esi in Salzburg angekommen war. Nachdem wir das Esis Eltern mitgeteilt hatten und Esis Mutter nach Salzburg gekommen war, um mich kennenzulernen, wurde schließlich der Termin der Hochzeit auf den 5. Januar 1952 festgelegt.

20Dann habe ich doch versucht, im Studium weiter zu kommen und ich habe im Jahr 53 einen Monat Sonderurlaub zur Prüfungsvorbereitung bekommen. Ein Monat war für die erste Staatsprüfung – bei dem Stoff um den es damals ging – faktisch nichts. Es ging um das ganze Römische Recht, das Kanonische Recht, die Deutsche Rechtsgeschichte und die Österreichische Verfassungs- und Verwaltungsrechtsgeschichte. Stellen Sie sich das einmal vor. Ich hatte in einem Kurs schon Vorarbeiten geleistet und so dachte ich einfach, ich probiere es halt. Wenn es nicht geht, dann geht es halt nicht. Aber siehe da ich habe die erste Staatsprüfung im ersten Anlauf bestanden. Und das hat mir dann einen großen Auftrieb gegeben, doch weiter zu machen. Nach dem rechtshistorischen Abschnitt kam dann der judizielle Abschnitt. Damals war das Studium anders gegliedert als es jetzt gegliedert ist. Im judiziellen Abschnitt lernte man das moderne Recht und schließlich kam der Abschnitt, in dem Völkerrecht und Wirtschaftsrecht und diese Dinge studiert werden. Der judizielle Abschnitt machte es fast unumgänglich, an Übungen an der Universität teilzunehmen, und das war mit der Arbeit nicht mehr vereinbar. So haben meine Schwiegereltern eingegriffen und es übernommen, für unseren Lebensunterhalt beizusteuern. So konnte ich die Arbeit kündigen und mich dann ganz auf das Studium konzentrieren. Ich habe dann auch in der kürzest möglichen Zeit das Studium abgeschlossen. Das war kurz vor Weihnachten 1956, dem Jahr des Ungarnaufstandes.

21Im Zusammenhang mit dem Ungarnaufstand wollten Sie auch ganz direkt aktive Hilfe leisten.

22Ja ich wollte mich freiwillig zum Einsatz in Ungarn melden. Otto von Habsburg hatte zur Stellung eines Freiwilligenheeres aufgerufen und dazu wollte ich mich sofort melden. Aber es kam dann im Endeffekt nicht dazu, weil es leider schneller zu Ende ging, als dass man etwas tun hätte können.

23Ja, das war also das Studium.

24Sie sind seit über 60 Jahren verheiratet und haben sechs Kinder. Was bedeutet Ehe und Familie ganz persönlich für Sie?

25Meine Familie war zunächst einmal, bei aller Liebe zu meinen Eltern, dadurch schwer belastet, dass das Verhältnis zu meinem Vater ein sehr zerrüttetes war, muss man sagen. Mein Vater hat meiner Mutter gegenüber ein Verhalten an den Tag gelegt, das mich sehr belastete. Es kam dazu, dass ich mit meinem Vater kaum reden konnte, ohne dass daraus sofort ein Krach wurde. Das hat solange gedauert bis ich durch die religiöse Gemeinschaft, der Esi und ich unabhängig von einander angehören, die Lektion bekam, dass niemand einen anderen ändern kann. Man kann nur bei sich anfangen. Als ich das dann ernsthaft versucht habe, hat sich mein Verhältnis zu meinem Vater schlagartig geändert. Und es ist dann eine wirklich freundschaftliche Beziehung geworden. Ja, das sind so die Geheimnisse des Lebens. Wenn ich dann zu meiner eigenen Familie komme, so hat sie mir immer enorm viel bedeutet. Wir durften inzwischen unseren zweiundsechzigsten Hochzeitstag feiern, wir haben 24 Enkelkinder und 18 Urenkel.

26Wie ist dann ihr beruflicher Werdegang verlaufen?

27Im Dezember 1956 wurde ich promoviert. Die letzte Prüfung vor der Promotion, das sogenannte Romanum, war am 13. Dezember. Da hatte ich größte Sorge, wie es mir bei dieser Prüfung gehen würde. Es war vorgesehen, dass wir nach meiner Promotion auf ein halbes Jahr nach USA fahren würden, wo ich dann noch bei Dietrich von Hildebrand ein Semester an der Fordham University studieren wollte. Ich hatte die Möglichkeit erhalten, das zu tun. Nun hing alles davon ab, ob ich das Romanum bestehen würde. Prof. Herdlitczka galt als sehr strenger und auch gefürchteter Prüfer und ich fragte mich wieder, ob ich bei der kurzen Vorbereitungszeit überhaupt eine Chance haben würde, die Prüfung zu bestehen. Wie die Prüfung verlief möchte ich nun aber doch etwas genauer schildern. Wir waren zu viert bei Prof. Herdlitczka in der Wohnung. Er war zum Prüfungstermin nämlich krank geworden, wollte uns die Prüfung aber trotzdem abnehmen. Ich hatte mich, unabhängig von der Prüfung, schon immer für die Hauptquelle des römischen Rechts, die Digesten, sehr interessiert. Vor allem das erste Fragment, in dem Ulpian sagt, was die Aufgabe der Juristen ist, hat mich besonders fasziniert. Ulpian stellt zunächst die Frage, woher das Recht kommt. Er sagt dann, dass der Name des Rechtes von der Gerechtigkeit kommt. Er spricht dann über das Naturrecht.

28Bei der Prüfung hat Prof. Herdlitczka mich gleich als Ersten gefragt. Die Frage lautete, was mich am Studium am meisten interessiert hat. Und da habe ich ihm sofort das erste Fragment von Ulpian präsentiert und gesagt, dass Programm, das Ulpian hier sozusagen als die Aufgabe der Juristen in knappen Worten wiedergibt, das ist es was mich im ganzen Studium am meisten interessiert hat. Da ist nun Herdlitczka so darauf eingesprungen, dass die Fortsetzung der Prüfung eigentlich wie ein Kolloquium zwischen Kollegen verlief. Er wollte dann auch die anderen in diese Diskussion miteinbeziehen, was sich aber nicht leicht bewerkstelligen ließ, weil sie von diesen Dingen keine Ahnung hatten. Ein Kollege hat als Antwort auf die Frage, was ihn am Studium am Meisten interessiert hat, das Problem der verbrauchbaren Sachen angeführt. Er hatte offenbar nur sehr beschränkte Kenntnisse des römischen Rechts.

29Die Prüfung hatte dann eine für mein Leben bedeutsame Konsequenz, denn Prof. Herdlitczka hat mir dann die Habilitation im Römischen Recht angeboten. Dies geschah nicht gleich nach der Prüfung, sondern bei der nächsten Gelegenheit. Er hat mir aber auch gesagt, dass jeder Jurist, ob er nun Wissenschaftler ist, oder sonst etwas tut, die Gerichtspraxis gemacht haben muss. So habe ich im Herbst 1957 in Innsbruck mit der Gerichtspraxis begonnen. Wir mussten dann mit der Familie nach Innsbruck übersiedeln. Im Jahr 1958 bin ich zunächst nur als wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt worden. Die Ernennung zum Assistenten konnte nur vom Ministerium erfolgen und das Ministerium hatte den Antrag von Prof. Herdlitczka mich zum Assistenten zu ernennen noch nicht erledigt. Aber es kam dann auch die Erledigung des Antrags bzw. die ministerielle Bestellung, die mit einem Bescheid über die Anrechnung der Vordienstzeiten verbunden war, der alle Arbeiten anführte, bei denen ich Steuer gezahlt hatte. Nun ist in meinem Vordienstzeitenanrechnungsbescheid wegen der Arbeit am Kraftwerk in Hollersbach der erste Posten Hilfsarbeiter. Das muss ich sagen, hat mich ganz besonders gefreut, denn das zeigt, aus welcher Situation ich aufbauen musste. Ich glaube, es gibt nicht viele Professoren, die das in ihren Vordienstzeiten haben.

30Herr Prof. Waldstein, Sie arbeiten seit etwa 1970 mit János Zlinzsky aus Ungarn zusammen. Zahlreiche Kollegen in Ungarn können sich gut daran erinnern, wie Sie in den 80er Jahren bei Ihnen zu Hause zu Gast waren und von Ihrer Frau bewirtet wurden. Zu dieser Zeit waren Auslandsaufenthalte für Studenten noch keineswegs allgemein üblich. Nicht wenige der damaligen Studenten arbeiten heute in verantwortungsvollen Positionen an verschiedenen ungarischen Universitäten. Professor Zlinszky wurde im Jahre 1990 als einer der ersten fünf Richter an das neu gegründete ungarische Verfassungsgericht berufen, 1995 wurde er der erste Dekan der juristischen Fakultät der wiedererrichteten Katholischen Universität in Budapest.

31Ja also, der Kontakt mit Janos war natürlich für mich eine außerordentlich erfreuliche Sache. Ich war mit der Organisation des Rechtshistorikertages 1970 in Salzburg betraut worden und habe mich in der Vorbereitung von Prof. Wolfgang Kunkel beraten lassen. Kunkel hatte literarische Kenntnis von János Zlinszky. So hat er mir gesagt, dass er ein bemerkenswerter Mann in Ungarn wäre und es für ihn sicher sehr hilfreich sein könnte, wenn ich ihn zum Rechtshistorikertag einladen würde. Das habe ich dann auch sofort getan und er hat dann auch tatsächlich die Ausreiseerlaubnis bekommen, was ja auch nicht selbstverständlich war. Wir haben ihn dann mit großer Freude in Salzburg aufgenommen und auch sein Vortrag hat sogar beim eher kritischen Prof. Mayer-Maly große Zustimmung gefunden.

32Der überwiegende Teil ihres wissenschaftlichen Werkes entstand in Salzburg. Am Institut für Römisches Recht der Paris-Lodron-Universität haben die bedeutendsten Professoren für Römisches Recht des deutschen Sprachraumes gewirkt. Zu ihren Kollegen und Freunden zählten Wolfgang Kunkel, Theo Mayer-Maly und Max Kaser. Könnten Sie uns noch einige Worte über ihre Lehrer sagen?

33Zu meinen Lehrern gehören wohl vor allem Arnold Herdlitczka und Dietrich von Hildebrand. Was nun Herdlitczka betrifft, brauche ich, wie ich glaube, nichts weiter zu sagen, aber zu Dietrich von Hildebrand glaube ich, ist es doch wichtig, zu sagen, dass mir das Semester bei ihm wirklich Grundlegendes bedeutet hat. Seine Erkenntnistheorie hat völlig auf die klassische Erkenntnistheorie aufgebaut. Vor allem auf Aristoteles, aber auch auf Augustinus. Besonders wichtig ist auch die Bedeutung des unmittelbaren Erfassens als philosophisches Erfassen. Also unsere Beziehung zu Dietrich von Hildebrand ist eine so freundschaftliche geworden, dass er dann unser Trauzeuge gewesen ist. Hildebrand war eine unerhört reiche Persönlichkeit, nicht nur im Sinne von seinen Kenntnissen, sondern auch als menschliche Persönlichkeit war er von einer unerhörten Menschlichkeit und Fröhlichkeit. Dies bei allem was er mitgemacht hat. Er musste schon aus Deutschland wegen des Nationalsozialismus fliehen und so ist er dann nach Österreich gekommen. Er war mit dem damaligen Bundeskanzler Dollfuss wirklich befreundet und hat die Zeitschrift „Der Christliche Ständestaat” gegründet, in der er den Nationalsozialismus so heftig kritisierte, dass Hitler ihn als Erzfeind Nr. 1 bezeichnet hat. Der damalige deutsche Botschafter in Österreich hat Hitler natürlich über diese Zeitschrift und die Angriffe von Dietrich von Hildebrand ständig informiert. Es kam dann soweit, dass der Polizeipräsident von Wien Dietrich von Hildebrand zu sich gebeten und ihm eröffnet hat, dass sein Leben bedroht ist. Er hat ihm sozusagen Verhaltensmaßnahmen gegeben, die er treffen musste, um sich zu schützen. Es war aber auch eine sehr angespannte Situation an der Universität Wien, an der er lehrte. Am Ende war es dann so, dass er mit seiner Frau den letzten Zug in Wien erwischt hat, der ihn nach Pressburg bringen konnte. Der Zug war mit Flüchtlingen überfüllt, die von Österreich ausreisen wollten. Aber an der Grenze zur Slowakei mussten alle aussteigen, die einen österreichischen Pass hatten. Die Familie Hildebrand hat mir über diese Erfahrung erzählt. Es waren Verzweiflungsszenen zu sehen, von Menschen, die fürchteten, dass sie nicht über die Grenze kommen würden. Dietrich von Hildebrand und seine Frau hatten aber Schweizer Pässe und mussten deswegen nicht aussteigen. Als der Zug dann langsam über die Grenze fuhr und sie in Pressburg ankamen, waren sie Gott unendlich dankbar, dass sie aus dieser Hölle herausgekommen sind. Die Bedienerin, die bei der Familie Hildebrand angestellt war, war aber in der Wohnung geblieben. Von ihr wissen wir, dass kurz nachdem Hildebrand aus der Wohnung war, schon die Gestapo gekommen ist und die ganze Wohnung durchsucht hat. Sie haben sogar in den offenen Kamin hineingeschaut, ob er sich vielleicht dort versteckt hat. Es war dann schließlich noch ein dramatischer Weg, den er zurücklegen musste. Hildebrand musste mit seiner Frau über Ungarn, Jugoslawien, Italien bis sie wieder in die Schweiz kommen konnten. Es hat dann aber noch lange gedauert, bis sie wirklich aus der Gefahrenzone kommen konnten, weil da auch noch der Einmarsch der Deutschen in Frankreich – genau zu der Zeit als Hildebrand in Frankreich gewesen war – dazu gekommen ist. Aber immerhin hat Hildebrand es überlebt und er konnte schließlich New York erreichen.

34Ihre Habilitationsschrift beschäftigt sich mit dem römischen Begnadigungsrecht…

35Ja, was meine Habilitation betrifft, so war das eine zunächst etwas dramatische Geschichte. Erich Sachers, ein Professor, der neben anderen Fächern auch für Römisches Recht zuständig war, hatte mir ein Thema für die Habilitationsschrift empfohlen, das mir auch interessant und überzeugend vorgekommen ist. Es sollte um den Römischen Senat als Gerichtshof gehen. Ich habe sofort begonnen, die einschlägigen Quellen zu sammeln und zu studieren und mir die ersten Notizen zur Vorbereitung der Arbeit zu machen. Es hat leider länger gedauert bis ich die Gelegenheit hatte, mit Wolfgang Kunkel über das Thema zu sprechen. Als ich dann zu Kunkel kam und ihm eröffnete, welches Thema Sachers mir vorgeschlagen hatte, sagte Kunkel zu mir: „Herr Waldstein, da muss ich Ihnen aber jetzt sagen, dass gerade eine italienische Arbeit zu diesem Thema erschienen ist und ob es sich dann ausgeht, dass Sie über dieses Thema schreiben, das erscheint mir wirklich nicht so empfehlenswert. Für mich war es sogar ausgeschlossen, weil ich damals bei weitem die italienische Sprache nicht so beherrscht habe, dass ich mich mit einer italienischen Arbeit auseinandersetzen hätte können. Bei diesem Aufenthalt in München sollte ich dann aber doch noch ein Thema für meine Habilitation festmachen können. Ich gehörte schon lange einer religiösen Gemeinschaft an, die auch in München durch Schwestern vertreten war und diese Schwestern haben mich bei dieser Gelegenheit zum Mittagessen eingeladen. Bei dem Mittagessen war es Brauch, eine Tischlesung zu halten. Vorgelesen wurde aus Prosper Louis Pascal Guéranger. Aber was genau wird vorgelesen. Es trifft ein Kapitel über die Osterbegnadigungen im Römischen Recht. Stellen Sie sich das vor, genau zu dem Zeitpunkt, zu dem ich ein neues Thema suchen musste. Ich hatte bis dahin von den Osterbegnadigungen nicht die leiseste Ahnung. Im „Strafrecht“ von Mommsen findet sich nichts darüber. Ich habe sofort als ich heimkam den Codex Theodosianus zur Hand genommen. Und schlage den Titel den De indulgentiiscriminum auf. Von den zwölf Konstitutionen dieses Titels handeln fünf von Osterbegnadigungen. Dann schaue ich noch einmal bei Mommsen nach und stelle fest, dass er sagt, ádeia und amnestía sind griechische Begriffe, den Römern fehlt die Sache nicht ganz, aber völlig das technische Wort für Begnadigung. Die indulgentia ist jedoch ein absolut technisches Wort für die Begnadigung, dazu kommen noch venia und abolitio. So bin ich also zu diesem Thema gekommen, das ich dann Prof. Herdlitczka vorgelegt habe. Er war begeistert, da damals noch kaum jemand über römisches Strafrecht geschrieben hat. Kunkel, der zum römischen Strafrecht publiziert hatte, bildete eine große Ausnahme. Deswegen habe ich mich dann auch um Rat bei Kunkel bemüht. So kam es also zu diesem Habilitationsthema. Ich konnte damals tatsächlich in erster Linie mit Kunkel, in zweiter Linie Wieacker und natürlich auch Max Kaser über mein Thema sprechen. Als allererster hat meine Arbeit Mayer-Maly im Rohzustand gelesen und von allen kam dann eine sehr positive Reaktion, von Kaser detaillierte Korrekturen. Vor allem Stilkorrekturen. So musste ich alle „Bandwurmsätze“ auflösen.

36Mit genau vierzig Jahren wurden Sie im bewegten Jahr 1968 Rektor der Universität Salzburg. Ihre Inaugurationsrede trug den Titel „Akademische Freiheit und humane Ordnung”. Sie haben damals an den Beginn der Rede die Auffassung zitiert, dass die Wissenschafts- und Lehrfreiheit mit dem deutschen Idealismus begonnen hat. Sie sind jedoch dann zu dem Schluss gekommen, dass die akademische Freiheit „im Wesen jeder Wissenschaft begründet [ist], der es um die Erkenntnis von Wahrheit geht“. Ausdrücklich lehnten sie die Meinung ab, wonach die akademische Freiheit im deutschen Idealismus, dem protestantischen Humanismus, der mittelalterlichen Scholastik oder der antiken Philosophie begründet gewesen ist.5 Wie waren die Reaktionen auf ihre Rede?

37Ich war tatsächlich gerade im Jahr 1968 zum Rektor der Universität Salzburg gewählt worden. Ich glaube, das Kalkül der Wähler war, dass ich mir dabei die Hörner abschlagen werde können. Aber ich weiß, es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Aber es war für mich schon eine harte, sehr harte Überraschung. Nachdem ich vorher schon Aufbaudekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät gewesen bin und dieses Amt mich schon an den Rand meiner Kräfte geführt hatte. Weiters hatte ich als Prodekan auch eine Menge zu tun, dann wurde ich noch Mitglied des Senats und war mit den Angelegenheiten anderer Fakultäten befasst.

38Mir war klar, dass ich in dieser Situation nicht das machen konnte, was akademisch üblich bei Inaugurationsreden war und was auch mein Mitrektor, Walther Kraus, etwa zwei Monate zuvor in Wien gemacht hatte, nämlich über ein Fachthema zu sprechen. Mir kam vor, in dieser Lage muss ich zur gegebenen Situation Stellung nehmen und mich ihr stellen. Bei der Inauguration in Wien war es so gewesen, dass gleich beim Einzug der Rektoren in den Saal ein Gebrüll losging. „Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren”. Dieser Text wurde unablässig gebrüllt. Es war darauf abgestellt, dass die Inauguration nicht stattfinden sollte. Der damalige Bundespräsident, Franz Jonas, hatte einen Ehrensitz ganz vorne und in dem Gewühle stürmte ein Student auf ihn zu und schreit ihn an: „Wann Du die Polizei holst, dann waast eh, wos passiert“. In diesem Moment ist dann etwas wirklich Überraschendes geschehen. Es war wirklich hervorragend organisiert. Es bildete sich eine Phalanx im ganzen Saal und diese hat mit der Aussage „Linksfaschisten raus“, diese ganze Gruppe wirklich aus dem Saal hinausgedrängt. Dann wurden die Türen zugesperrt und die Inauguration konnte beginnen. Am nächsten Tag gab es harte Medienangriffe. Die Zeitungen berichteten, dass die Leute brutal aus dem Saal geprügelt worden seien. Nach dieser Erfahrung stand ich vor der Vorbereitung meiner Inauguration. Ich habe angeordnet, dass alle Eingänge zur großen Aula gesperrt werden, bis auf einen, bei dem man drei Schleusen machen konnte. So war der erste Eingang gesichert, falls dort jemand mit Gewalt durchkommen würde, musste er noch durch die nächste Schleuse und dann noch durch eine dritte. Dann war aber auch Schluss. Das war also die Vorbereitung. Aber das wichtigste bei der Sache war, dass der Einlass in die große Aula nur mit Platzkarten möglich war. Diese Platzkarten für 800 Sitzplätze wurden völlig frei ausgeteilt. Auch an Studenten. Jeder hat eine Platzkarte bekommen, solange es welche gab. Wenn es aus war, war es halt aus. Damit war gesichert, dass der Saal voll besetzt war. Der Saal war mit zwei Dritteln Studenten und einem Drittel Ehrengäste gefüllt, darunter natürlich auch Kollegen. Nun musste ich meine Inaugurationsrede beginnen und mich mit der Studentenrevolte auseinandersetzen. Ich war in einer riesigen Anspannung. Zuvor hatte ich noch erfahren, dass ein ganzer Bus von Wien gekommen war, diese ungeladenen Gäste wussten aber nichts davon, dass man Platzkarten braucht. Ich hatte vorsorglich, falls es im Saal zu einer Störung kommen sollte, für den Abend eine Diskussion über die Inaugurationsrede vorbereitet. Wenn jemand etwas sagen wollte, hätte ich ihn auf diese Diskussion verweisen können. Trotz allem stand ich vor einer ungeheuren Anspannung, weil ich wirklich fürchten musste, dass bei jedem Wort das Gebrülle losgehen würde. Aber bis zum Ende passierte nichts. Ich setzte mich erschöpft hin und da geschah etwas, das ich so zuvor noch nicht erlebt hatte. Es kam zu einem Applaus, der nicht aufhören wollte. Esi saß in der zweiten Reihe und machte mir ein Zeichen „Aufstehen und Danken”. Ich stand auf und dankte und dann ging es wieder los. Es war wirklich ein unglaublicher Applaus. Dann kam zum Abschluss der dritte Satz der Prager Symphonie von Beethoven. Ich hatte die Prager Symphonie deswegen gewählt, weil die Russen in diesem Jahr ja Prag besetzt hatten.

39Aber jetzt will ich ihnen nur noch ganz kurz sagen, wie es am Abend ausging. Da kamen nämlich auch jene Studenten zu der Diskussion, die protestieren wollten. Gleich der Erste, der sich gemeldet hatte, fing an, ich hätte von akademischer Freiheit gesprochen, das ist doch Mumpitz, das gibt es überhaupt nicht. Das ist ja alles erlogen. Dann kamen die ganzen marxistischen Slogans, die ich aus Marcuse und allen diesen Autoren kannte. Ich hatte diese Autoren wirklich vorher eingehend studiert. Auch Mao Tse Tung. Um zu sehen, worauf ich vorbereitet sein musste. Er hat einige Zeit so dahin geredet, bis er schließlich aufhörte. Der Vorsitzende hat dann mir das Wort zur Antwort erteilt. Ich habe dann nur gesagt, Herr Kollege, die Freiheit, die ich meine, besteht darin, dass sie hier das, was sie gesagt haben, in aller Freiheit und ungestört sagen konnten und außerdem nicht fürchten mussten und müssen, dass Sie gleich beim Ausgang verhaftet werden. Punkt, fertig. Damit war dieses Thema erledigt. Dann kam eine ganz vernünftige Diskussion zustande.

40Herr Professor Waldstein, Sie haben sich in mehreren Veröffentlichungen mit jenem Fragment des römischen Juristen Ulpian auseinandergesetzt, das die Kompilatoren des Justinian an den Anfang der Sammlung gestellt haben und in dem es heißt, dass die Juristen nach der veraphilosophia streben. In einem Beitrag, der als Diskussion mit ihrem Schüler Martin Schermaier konzipiert ist, werfen sie folgende Frage auf: „Gibt es überhaupt die Möglichkeit, im Verständnis einer überlieferten Aussage zu ihrem ’wahren’ Sinn zu gelangen und antworten mit Aristoteles: „Die Betrachtung der Wahrheit ist in einer Hinsicht schwer, in einer anderen leicht. Dies zeigt sich darin, daß niemand sie in gebührender Weise erreichen, aber auch nicht alle verfehlen können,… Vielleicht ist nun aber die Ursache der Schwierigkeit, die ja von zweifacher Art sein kann, nicht in den Dingen, sondern in uns selbst; wie sich nämlich die Augen der Eulen [wörtliche Übersetzung „Fledermäuse”] gegen das Tageslicht verhalten, so verhält sich die Vernunft unserer Seele zu dem, was seiner Natur nach unter allem am offenbarsten ist.”6 Das Streben nach Wahrheit hängt somit auch mit der Einstellung der Person zusammen, die die Wahrheit sucht. Was bedeutet dies ganz praktisch?

41Ja, was bedeutet das Streben nach Wahrheit ganz praktisch. Also ganz praktisch bedeutet es, das man wirklich versucht, die Wahrheit über eine Sache zu erkennen und natürlich bedeutet das auch, dass man selbst wahrhaftig sein muss. Das heißt, dass man nicht irgendwie täuschen will. Aber jedenfalls bedeutet es auch, dass man wenn kontroverse Auffassung bestehen, suchen sollte, welche Auffassung wirklich den Tatsachen, d.h. der Wahrheit entspricht. Wahrheit bedeutet Übereinstimmung mit dem Seienden. So wie es wirklich ist. Wahrheit bedeutet weiter, dass ein Bezugspunkt außerhalb des Menschen gesucht wird. Es wird gefragt, wie etwas objektiv ist.

42Ihre Beschäftigung mit dem Naturrecht hat seine Grundlage im Römischen Recht. Das römische Recht steht in gewisser Weise am Anfang aller Lehren zum Naturrecht. Naturrecht wird hier als rechtlicher und nicht bloß philosophischer Begriff verstanden. Wie würden Sie das Naturrecht kurz definieren?

43Ja, das ist eine schwierige Frage, aber trotzdem. Ich würde sagen, dass Ulpian diese Frage im ersten Digestenfragment kurz beantwortet: Ius naturale est, quod natura omnia animalia docuit. Der Hl. Thomas von Aquin sagt: lex naturalis nihil aliud est quam participatio legis aeternae in creatura rationali. Die beiden Konzepte gehören zusammen. Was immer verkannt wird, ist das Faktum, dass das Naturrecht nicht aus etwas abgeleitet werden muss. Auf der Vorstellung, dass Naturrecht von etwas „abgeleitet“ werden muss, beruht ja auch die Konstruktion des Naturalistischen Fehlschlusses. Dass man aus einer Natur, die, wie Kelsen sagt, als Aggregat von durch Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen, verstanden wird, nicht Normen ableiten kann, ist klar. Natürlich kann in einer so verstandenen Natur kein Naturrecht entdeckt werden. Aber wo findet man in einer so definierten Natur etwa logische Gesetze? Wo sind denn die logischen Gesetze, gibt es sie überhaupt? Diese Frage ist deshalb wichtig, weil man mit der Logik alles kontrollieren und begründen will. Aber woher weiß man überhaupt, dass es die Logik gibt. Ja, all diese Fragen sind besonders von Aristoteles mit einer solchen Gründlichkeit beantwortet worden, dass man nur staunen kann, dass sie immer wieder nicht verstanden und nicht gewusst werden. Ich habe in diesem Zusammenhang während meiner Lehrtätigkeit in Rom eine Erfahrung gemacht.

44An der Lateranuniversität in Rom hatte ich zwei reguläre Vorlesungen zu halten, eine über das Ius Commune und eine über die Teoria generale del diritto. Letztere wurde in einem Buch veröffentlicht. Das habe ich von mir aus zunächst nicht so vorgehabt. Aber eines Tages hat mir der Dekan gesagt, dass man seitens der Fakultät wünsche, dass ich die Vorlesung auch als Buch herausgebe. Es würde von der Universität selbst herausgegeben werden, ich musste nichts weite dazu tun, als da Manuskript so zu bearbeiten, dass es als Buchmanuskript geeignet sein würde. Sonst bräuchte ich mich dabei um nichts zu kümmern. Das Vorlesungsmanuskript war ja mit der Hilfe von Prof. Michael Rainer entstanden. Diese Unterstützung bedeutete für mich die Hilfe Gottes, die mir Kardinal Stickler zugesagt hatte, als ich zweifelte, ob ich den Ruf an die Lateranuniversität annehmen sollte.

45Ja, aber ich musste außerdem noch Seminare halten und da war ich in größerer Schwierigkeit, da ich da kein vorbereitetes Manuskript verwenden konnte. So habe ich im ersten Seminar mit den Studenten Ciceros De officiis gelesen. Da gab es eine italienische Übersetzung mit der ich arbeiten konnte und die Studenten auch. Aber dann habe ich im nächsten Seminar mit den Studenten die Metaphysik von Aristoteles gelesen. Und da kamen nun Überraschungen über Überraschungen. Die Studenten waren zu einem großen Teil Seminaristen, die bereits Philosophie als Fach hinter sich hatten. Einige waren sogar schon geweihte Priester, es waren dann aber auch noch andere Studenten dabei. Darunter waren auch zwei Teilnehmer, die von anderen Städten zum Seminar angereist kamen. Einer aus Bari und ein anderer aus der Lombardei. Die Studenten waren sehr erstaunt, wie Aristoteles schon vor sehr langer Zeit die heute zirkulierenden Irrtümer zerlegt hat. Er war dabei noch dazu sehr humorvoll und so wurde das Seminar eigentlich zu meinem größten Erfolg in dieser Zeit. Ja, es ging dabei wirklich über Metaphysik. Die Metaphysik ist ja sozusagen die Grundwissenschaft der Wissenschaften und ein Übel unserer Zeit liegt ja wahrscheinlich darin, dass man keine Metaphysik mehr lernt.

46Johannes Paul II sagt tatsächlich in Evangelium vitae, dass man bei manchen Gesetzen vor einem tragischen Schein des Rechtes steht. Es gibt Gesetze, bei denen man die Evidenz hat, dass sie Unrecht darstellen. Aber ich glaube, wenn Ihnen Unrecht geschieht, werden Sie das nachempfinden können, so wie ich es selbst bei einer Gelegenheit in Rom beobachten konnte. Esi stand in einem Bus vor mir. Plötzlich sehe ich wie eine stark behaarte Hand in ihre Manteltasche hineingeht. Ich kann mich jetzt nicht erinnern, ob ich etwas getan habe. Jedenfalls war in der Tasche nichts drin, das war das Pech für den Taschendieb und er hat ja die Hand wieder herausgezogen und dann aber gesehen, dass ich das bemerkt habe und so ist er bei der nächsten Haltestelle ausgestiegen. Aber wenn Ihnen, im Bus sagen wir einmal, so etwas passiert. Wenn Sie eine Geldtasche in der Tasche hätten und die Ihnen aus der Tasche herausgezogen wird, müssen Sie dann etwa erst in einem Gesetzbuch nachschauen, ob das verboten oder erlaubt ist. Man empfindet es als unangenehm. Ja, mehr als unangenehm. Man weiß, dass es Unrecht ist. Das weiß man ohne Rechtswissenschaften studiert zu haben und das ist eben die Evidenz, die ich auch in dem Beispiel, dass ich bei meinem letzten Vortrag bei Ihnen in Budapest angeführt habe. Für den römischen Feldherrn Camillus wäre es sehr verlockend gewesen, die ganzen Scherereien der Belagerung durch einen einfachen Akt der Erpressung los zu werden. Es war ihm aber klar, dass Erpressung kein erlaubtes Mittel, sondern vielmehr ein verbrecherisches Mittel ist. Dementsprechend hat er denjenigen, der gemeint hat, den Römern durch einen Erpressungsversuch ein unerhört wertvolles Geschenk gemacht zu haben, entkleiden lassen und mit den Händen auf den Rücken gebunden mit den entführten Buben nach Falerii zurückgeschickt. In der Erzählung des Livius kam dann der völlige Umschwung, die Falsiker haben durch die Redlichkeit des Feldherrn überzeugt, den Römern die Stadt geöffnet. Das war der wirkliche Lohn für die Redlichkeit.

47Die Salzburger Landesregierung hat den Entwurf zur Novelle des Strafgesetzbuches, mit der in Österreich die sog. Fristenlösung eingeführt werden sollte, beim Verfassungsgerichtshof angefochten. Sie haben sich damals mit der Frage der Rechtmäßigkeit der Abtreibung im römischen Recht beschäftigt und so hat der damalige Landeshauptmann Lechner auch Sie um Ihre Gutachtertätigkeit ersucht. Im Ergebnis hat der Verfassungsgerichtshof dem Antrag keine Folge gegeben und die Fristenlösung wurde eingeführt. Sie haben in mehreren Beiträgen gezeigt, dass der Verfassungsgerichtshof bei seinem Erkenntnis die Interpretationslehre der „Reinen Rechtslehre” Kelsens zugrundegelegt hat. Bei der Lösung der Frage der Abtreibung hat man sich also nicht auf das kulturelle Erbe Europas seit der Antike gestützt, sondern auf die abstrakte, anti-historische Vernunft. Welche Gründe sehen Sie für diese Entscheidung?

48Das Thema der Abtreibung ist noch ein ganz großes Thema. Die Ursache für das Gesetz lässt sich ganz eindeutig feststellen, es war ein Willensakt, der es durchsetzen wollte und der damals von der sozialistischen Partei vertreten wurde. Da haben rationale Argumente nicht gezählt. Darin liegt die Gefahr einer positivistischen Rechtsordnung, wenn man etwas machen will und auch die Macht dazu hat, dann macht man es.

49Warum, glauben Sie, wollte man damals die Fristenlösung durchsetzen?

50Man hat geglaubt, damit den Frauen helfen zu können, ihnen ein Recht zu geben, sie von einer Last zu befreien. Aber dahinter steht wohl letztlich eine falsche Anthropologie, ein falsches Verständnis davon, was der Mensch in seinem tiefsten Wesen ist. Dies ist bei vielen anderen Themen auch der Fall, aber letztlich wird auch der Mond nicht zum Papa, auch wenn man ihn so nennt.

51Vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Die Suche nach Wahrheit, das naturrechtliche Denken, die Rolle der Metaphysik und das gewählte Menschenbild sind wohl auch für jeden modernen Juristen eine immer aktuelle Herausforderung.

Beitrag vom 07. November 2014
© 2014 fhi
ISSN: 1860-5605
Erstveröffentlichung