Zitiervorschlag / Citation:

Martina Giese (Hrsg.)

http://www.forhistiur.de/zitat/0509schlinker.htm

Annales Quedlinburgenses.


(Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum germanicarum in usum scholarum separatim editi LXXII), Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2004, 680 S., ISBN 3-7752-5472-2, € 60.-

 

Rezensiert von: Steffen Schlinker (Würzburg)

 

Die vorliegende Edition der Annales Quedlinburgenses in der Reihe der Scriptores rerum germanicarum in usum scholarum separatim editi ist die Münchener historische Dissertation von Martina Giese aus dem Jahre 1999, die von Rudolf Schieffer betreut wurde. Sie ergänzt die bereits 1839 von Georg Heinrich Pertz besorgte und teilweise der Verbesserung bedürftige Ausgabe in der Scriptores-Reihe der MGH. Der herausragende Wert der Arbeit von Martina Giese liegt aber nicht allein in der Überarbeitung der Edition (S. 383 – 580), sondern vor allem in dem reichhaltigen Fußnotenapparat, der die Funktion einer Glosse zu den Eintragungen des Chronisten oder der Chronistin erfüllt. Hier werden die Annalen ausführlich erläutert und kommentiert, vorhandene Irrtümer in der Darstellung verbessert und Zusammenhänge zu anderen Textpassagen hergestellt.

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Der edierte Text ist eine Universalgeschichte von der biblischen Schöpfungserzählung bis in das erste Viertel des 11. Jahrhunderts. Entstanden sind die Annalen in einem der geistigen Zentren des Ottonenreichs, auf dem Quedlinburger Burgberg, vermutlich zwischen 1008 und 1015. Ergänzungen stammen aus den Jahren von 1020 bis 1025. Für die Zeit bis 1003 läßt sich die Abhängigkeit von Vorlagen nachweisen. Hier wären insbesondere Isidor von Sevilla, Beda Venerabilis sowie die verlorenen Annales Hersfeldenses zu nennen. Erst danach dominieren eigene Beobachtungen. Anschaulich zeigt sich darin mittelalterliche Textentstehung und Textüberlieferung. Inhaltlich macht Martina Giese vier Hauptthemen aus: den biblischen Ursprung der Welt sowie die Entfaltung des christlichen Glaubens, die Geschichte des sächsischen Stammes, die Familiengeschichte der Luidolfinger und schließlich die Lokalgeschichte Quedlinburgs (S. 69 ff.).

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Den weiten Bogen, den die Annalen spannen, vollendet Martina Giese in ihrer breit angelegten, detailreichen und souveränen Einleitung (S. 41 – 380), mit der sie den Leser in die Welt des 10. und 11. Jahrhunderts führt. Den Rechtshistoriker hätten hier nun die Themen Verfassung und Herrschaftspraxis interessiert. Darauf geht Martina Giese allerdings nur beiläufig ein, wenn sie beispielsweise auf die erbrechtliche Begründung der Nachfolge im Reich hinweist, die ein patrimoniales Verständnis von Herrschaft voraussetzt (ad a. 937, S. 459: zu Otto I., ad a. 951, S. 465 f.: zu Adelheid). Zugleich macht Giese darauf aufmerksam, dass der Übergang des Königtums auf Heinrich I. seine Begründung in dessen besonderer Eignung findet (ad a. 919, S. 455). Darin liegt durchaus kein Widerspruch, weil sich die persönliche Befähigung des Königs nach Darstellung der Annalen in seinen Nachfolgern fortzusetzen scheint.

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In das Zentrum ihrer Erörterungen stellt Martina Giese den Text selbst, seine Quellen, seine Überlieferung und seine Wirkung. Präzise wird der Leser über den gegenwärtigen Stand der Forschung informiert. Ihre Urteile sind wohlabgewogen und fundiert. Das spannende Rätsel, weshalb die Sachsengeschichte Widukinds von Corvey in den Annalen keine Berücksichtigung gefunden hat, muß leider unbeantwortet bleiben. Giese versagt sich spekulative Erörterungen zu dieser Frage, weil sie dem Leser schließlich doch eine nachprüfbare Antwort vorenthalten müßte. Ausführlich informiert die Einleitung dagegen über die sagenhaften Textbestandteile (Attila, Theoderich) und schlägt damit eine Brücke zur germanistischen Mediaevistik. So ist beispielsweise die angebliche trojanische Herkunft der Franken ein zeitgenössisches Motiv, das sich später im Annolied und der Kaiserchronik wieder finden lässt.

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Mit besonderer Sorgfalt widmet sich Giese auch dem Problem der Textlücken und verfolgt akribisch das Ziel, aus parallelen Quellen eine zumindest teilweise Rekonstruktion des Inhalts zu erarbeiten. Ein umfangreiches Handschriften-, Textstellen-, Personen und Wortregister (S. 581 – 680) beschliessen den Band, für den die Verfasserin und der Verlag hohes Lob verdienen.

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Diese Seite ist vom 20. September, 2005